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Dieser gesellschaftspolitische Essay erschien zuerst unter http://www.neon.de/kat/sehen/politik/241003.html

 

Schützt die Werte vor den Wertlern

18.02.2009 16:52 Uhr

40 Jahre nach '68: Das Wesentlichste an den Neokonservativen ist ihr Antiliberalismus. Sie diskreditieren damit auch linke Prinzipien.

 

DER KAMPF "WERTE GEGEN 68ER" IST EIN SCHEINGEFECHT.

Vierzig Jahre nach den Revolten von 1968 sind deren Vertreter hierzulande in der Defensive. Eine Abrechnung folgt der anderen, betrieben von Publizisten und Politikern, die sich großer Zustimmung sicher sein können. Das Themenspektrum ist dabei vielfältig: Am Kindermangel, und damit irgendwie auch an der sozialen Kälte, ist der Feminismus schuld. An der hohen Kriminalität das Konzept des Multi-Kulti; das nämliche für den, der's mag, auch an der Entdeutschung. Sowie an den schlechten Manieren die antiautoritäre Erziehung - oder das Kiffen.
Was auf den ersten Blick wie ein recht gewagtes Sammelsurium altbackener Aversionen erscheint, hat für die fabulierenden Neo-Konservativen, die es sich publikumswirksam zurechtbasteln, durchaus seine innere Logik. Ein Begriff hält es alles zusammen wie die Kordel das unförmige Paket - gewaltsam, doch belastbar: WERTE.

Die "Wertler", wie wir diese Zeitgenossen im Folgenden nennen wollen, verstehen sich als Kulturkritiker. Sie geißeln „Ideologie“, weil sie dieser, wie sie sie den 68ern vorhalten, IHRE EIGENE ENTGEGENSETZEN können: Diese besteht aus Elementen wie Ordnung, Religiosität, Familie, Nation, Anstand. Die Generation des Aufbruchs vor vierzig Jahren sehen sie als Feind all dessen an. Zuweilen haben sie damit sogar recht. Die Oppositionshaltung des damaligen Denkens gegen übergeordnete Prinzipien überhaupt aber existiert nur in ihren Köpfen und denen ihrer Anhänger; der Kampf „Werte gegen 68er“ ist ein Scheingefecht.
Übergeordnete Prinzipien – das wollen die Wertler, richtig; doch unpraktischerweise tun dies auch die Alt- und Neulinken, gegen die sie Stimmung machen. Bei diesen sind es freie Entfaltung der Persönlichkeit, soziale Gerechtigkeit, verantwortliches Konsumieren und anderes, das über den Dingen steht oder stehen sollte – wie ihre Gegner es sich von Gott oder Gehorsam wünschen. Und eigentlich wissen die Wertler das ja auch: Der Vorwurf an die 68er, „ideologisch zu handeln“, tut ja nichts anderes als zuzugeben, dass sie sich sehr wohl an Grundsätzen orientieren – bloß in einen Tadel umgemodelt.


DIE WERTLER WOLLEN DIE FREIHEIT UNSERER ZEIT NICHT.

Auch die Angriffsobjekte der Wertler haben also Werte, anders als es Vorwürfe wie „Gleichmacherei“ vermuten lassen – doch das macht sie nicht zu Brüdern im Geiste. Denn motiviert ist diese Einstellung bei beiden ganz unterschiedlich. Mag man auch über manche Auswüchse des antiautoritären Gedankens heute lächeln: dass seine Vertreter Bevormundung mindern und damit dem Einzelnen nützen wollten, kann niemand bestreiten. Und vielleicht war es ja eine Fehlentwicklung der Emanzipation, dass das Kinderkriegen in Misskredit geriet; jeder weiß dennoch, dass es ihr um faire Lebensbedingungen für Frauen ging. Übersteigerungen und Irrtümer dürfen nicht vergessen lassen, dass die 68er und ihnen Nahestehende im heutigen linken Spektrum nach Verhältnissen streb(t)en, die der menschlichen Realität in der Gegenwart angemessen waren und sind. Menschlichkeit gehört zu ihren Leitmotiven, Gleichgültigkeit nicht.

„Menschlichkeit“ - heute ein Reizwort (am deutlichsten im Ausdruck „Gutmensch“, der Positives bezeichnet, aber ausschließlich negativ verwendet wird). Zwar gebrauchen ihn auch Wertler wie der Populärfundamentalist Peter Hahne (Buch: „Schluss mit lustig“). Doch das geht unter bei denjenigen seiner Leser, die bei ihm (und anderen Erfolgsautoren wie Kai Diekmann, Bernhard Bueb etc.) das finden, was sie suchen: Entschlossenheit gegen die „Spaßgesellschaft“. (Deren Ende auszurufen liegt ja spätestens seit dem 11. September sehr im Trend. Demnach hat man sich Mohammed Atta als einen Ausbund an Frohsinn vorzustellen.) Ganz egal, ob man sich für Religion überhaupt nicht interessiert: Als Mittel zum Zweck kommt sie gerade recht. (Auch daher sind die Wertler nicht gleichzusetzen mit „den Christen“, ebensowenig wie linke Wertevertreter pauschal Gottesverehrung ablehnen.)

Was ist der Zweck? In der Tat ist weniger die konkrete Füllung des Begriffs „Werte“ das Problem, sondern die Stoßrichtung. Was die Wertler (die schreibenden wie die lesenden) an unserer Zeit (schicker: „dem Zeitgeist“) hassen, ist schnell ausgemacht: die „Beliebigkeit“. Dieses neuerdings ständig zu hörende Wort IST SYNONYM FÜR DAS WORT "FREIHEIT". Mit dem einzigen, aber entscheidenden Unterschied, dass es anders als dieses abwertende Funktion hat.
Mit ihm ausgerüstet, ziehen sie gegen den Liberalismus im eigentlichen Sinne zu Felde. Wir erinnern uns: Einst bezeichnete dieser politische Begriff nicht nur ein Wirtschaftssystem, sondern in der Tradition von Aufklärung im 18. und Freiheitskämpfen im 19. Jahrhundert ein Konzept, das gegen staatliche, kirchliche, gesellschaftliche Bevormundung eigenverantwortliches Leben in den verschiedensten Bereichen setzte. Die Wertler glauben heute aber: Wer alles darf, der verroht zwangsläufig. Dem Ungebundenen fehlen die Bindungen, Grenzzäune sind der beste Halt. Zentraler Wert linker Werteverfechter ist Humanität. Zentraler „Wert“ der Wertler ist Unfreiheit.


DIE ABGRENZUNG VOM ISLAM IST KÜNSTLICH.

Die Abneigung gegen den Liberalismus ist keine Spezialität der westlichen Wertler. Auch für Muslime in unserer Gesellschaft ist sie ein wesentlicher Bestandteil des Selbstverständnisses. Diese sind oft stolz darauf, dass sie, der sie aus ihrer Sicht umgebenden „Dekadenz“ zum Trotz – an Grundsätzen festhielten. Nicht nur auf dieser abstrakten Ebene ähneln sie damit den Wertlern, sondern zum Teil sehr unmittelbar in den Positionen, die sie einnehmen. Das macht Eva Herman nicht zur verkappten Islamistin. Doch es zeigt, dass Antiliberalismus ein allgemein grassierendes Problem unserer Zeit ist.
Beispiel im Kleinen: Vorbehalte bis Attacken gegen freie Sexualität finden sich bei diesen wie jenen. Für eine Kampagne fundamentalistischer Katholiken gegen die Jugendzeitschrift "Bravo" (O-Ton: „in Wahrheit erotisch“) werben romantischerweise auch islamische Gruppen. Und im Großen: Den Individualismus verdammen Ayatollah, Papst und atheistischer Kritiker unisono.

Wahrgenommen wird diese Nähe nicht. Vielmehr: Viele Wertler betätigen sich, wenn sie nicht gerade gegen unsere Freiheit wettern, ebenso begeistert als Mahner gegen die schädlichen Einflüsse des fremden Islam. Der nämlich bedrohe „unsere Werte“, konkret sehr gern: „unsere Freiheit“. Deutscher Hahne-Jünger trifft auf der Demo gegen libidinöse Verlotterung seinen muslimischen Nachbarn, dem er insgeheim gerade noch Rückständigkeit unterstellt hat, und lädt ihn erfreut ein, ihn auf seinen Kreuzzügen öfter zu begleiten – ein absurdes Szenario? Ja, aber nur weil die beiden einander dort vermutlich nicht erkennen würden.
Einzig aus Sorge um die Freiheit kann man wünschen, dass Wertler und traditionelle Muslime, statt zu paktieren (was zumindest in puncto Werte gut möglich wäre), ihre eingebildete Gegensätzlichkeit weiter kultivieren.


IM NAMEN DER WERTE WIRD PAKTIERT MIT DEN WERTEVERÄCHTERN.

Doch ohne Kampfgenossen müssen die Wertler nicht bleiben. Ganz unbeeindruckt von falscher Gewissenhaftigkeit führen sie nämlich die in der Politik schon lange praktizierte Gemeinschaft mit den sogenannten „Liberalen“ fort. Von der Sache her ist das beim Thema Werte absurd. Westerwelle und Co. wollen bekanntermaßen ja nicht nur Freiheit ZU etwas, sondern auch VON sozialer Verantwortung. Wer meint, dass der Markt im freien Spiel der Kräfte schon alles regeln wird – einschließlich Sozialem und Kultur -, der muss „übergeordnete Prinzipien“ ja gerade ablehnen.

Am nächsten ist der „Spaßgesellschaft“ eben doch die „Spaßpartei“. Doch das ist für die Wertler kein großes Problem. Diesen wie jenen sind die linken Werte ja ein Ärgernis: für den Wertler deshalb, weil er rückständige Prinzipien bevorzugt, für den Neoliberalen deshalb, weil er keine Prinzipien hat. Dieser Berührungspunkt täuscht darüber hinweg, dass die „Liberalen“ auf die Ersetzung von Verantwortung durch Profitmaximierung, die von ihren konservativen Partnern beklagt wird, selbst an vorderster Front hinarbeiten. Die "Zeit" hat es in einem Kommentar zu einer neuen Generation von Konservativen auf den Punkt gebracht: „1968, so scheint es, est eine willkommene Projektionsfläche, um die eigene Ambivalenz zu entsorgen – indem man den 68ern die psychosozialen Folgen des neoliberalen Gesellschaftsumbaus anlastet, den man selbst mit Vergnügen vorantreibt. [...] Der 68er-Hass liefert den nötigen Kitt, um in heiterer Schizophrenie Wertkonservatismus und Wirtschaftsliberalismus zu verbinden“ (Christian Staas am 17. 5. 2007).

Nicht alle Freidemokraten sind Werteverächter, aber von solchen leben sie. Deren Motto ist: „Jetzt werd mal nicht moralisch“, denn Moral finden sie lästig – nicht nur tatsächlich verstaubtes sittliches Moralisieren, sondern auch ethisches Engagement; vielen fällt es schwer, diese ganz unterschiedlichen Bedeutungen von „Moral“ auseinanderzuhalten, oder besser: Es ist ihnen egal. Der lustige Neoliberale, ignorant aus Überzeugung, lächelt milde über die (vielleicht gar christlichen) Verschrobenheiten der Wertler, die ihm nützlich sind, weil ihre Ziele sich mit den seinen oft decken.

Friede, Freude, Menschenrechte – es gibt dieser Tage in der Tat Geringschätzung menschlicher Werte; doch nicht die 68er sind ihre typischen Träger. Ganz im Gegenteil.