Gedichte

 

(Zu einem Wuppertaler Kunstwerk namens „Ein neuer erfolgreicher Tag“)

 

 
 
Kasinokreisel, Elberfeld                                                                                   
Ein Mann steht auf den Kopf gestellt
Es scheint, er will beweglich bleiben
Ein Träumer sein im Alltagstreiben
 
Ein Augenblick Verweigerung
Doch: Nutzen sollt man diesen Schwung
Er wird nach Mal-auf-alles-Pfeifen
Sich gleich den Koffer wieder greifen
 
„Erfolgreich sei der neue Tag!“
Wie’s auch der Banker denken mag
Er grüßt den Recken stumm – indessen
Am Schalter hat er ihn vergessen
 
 
Da hat dem Mann, was keiner glaubt
Vandalenhand den Schlips geraubt
Halbnackt fast steht er, wie zum Hohn
Woher nur diese Aggression?
 
 
Ich glaub… er passt, nichts Böses hegend
Am Ende doch in diese Gegend
Mag einer auf den Händen tanzen
Es zählen Fakten und Finanzen
 
Mag sich die Welt mit Träumern zieren
Verlangt sie doch, zu funktionieren
Rebell'n gönnt ihre Gunst sie nur
Im Kreisel und als Kunstfigur

 

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Musendienst

 

 

1

 

Dichter sitzt am Schreibtisch.

Doch ihm fällt ein nischt.

 

 

Rettung: Einer seiner Frauen

Fiel es ein, vorbeizuschauen.

 

 

Andre Quelln für Geisteshöhen

– starke Tränke, weite Seen

 

Blaue Blumen – ja durchaus!

Frau jedoch kommt selbst ins Haus.

 

 

Glieder, erregte

Und wieder bewegte

Bringen Besinnung, was Tatendrang ist

 

Es wogen die Leiber

Wir loben die Weiber

Haben den Genius mit wachgeküsst!

 

 

Nun versteht er den Marmor erst recht, er denkt und vergleichet

Stand sie ihm, stand er auch ihr: Rasch steh’n auch Reime bereit.

 

 

2

 

Arme Muse wider Willen

Außer Sehnsucht aus Begehren

Musst du auch noch Zeilen füllen

 

Soll dich diese Rolle ehren?

Männer, die zur Minne baten

War’n oft clever im Verklären

 

Was für Kunst statt Kuss sie taten

Sie zum Werk zu inspirieren

Haben sie dir angeraten

 

Wird’s auch dich doch ewig zieren…

Wenn die Formen dein, die schönen

Bloß zu schönen Versen führen?

 

Taktisch lieben heißt: verhöhnen.

 

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Anders, aber richtig

 

Kunz liebt sehr das Anderssein
Ausscher‘n statt sich einzureih‘n
Gegen Trends statt mit dem Strom
Freak sein. Freigeist. Autonom
 
Kaspar Hauser, den man hasste
Weil er in die Welt nicht passte
Schliemann, der ja überhaupt
Je an Trojas Fund geglaubt
 
Amélie mit ihrer Freude
An der Hand im Sack Getreide
Lena, die zum Sieger ward
Mit der "etwas andren Art" 
 
Kunz sucht Menschen nun geschwind
Die so richtig anders sind:
Nachbar Grübler? Zählt ja nicht
Weil er mit sich selber spricht
 
Künstlerin ums Eck? Doch leider
Trägt sie schrecklich weite Kleider
Kunz muss Unmut überwinden:
Andre sind nicht leicht zu finden
 
Straßengeiger? Zwar besoffen
Lässt er doch noch einmal hoffen
Ihm will, wohl mit Widerstreben
Kunz noch eine Chance geben
 
„Mögen Sie zu große Brillen?
Haben Spleens? Charmante Grillen?
Nicht? … Doch sicher schwärmen Sie
Dann für Archäologie?
 
... nein?"
 
Kunz ist endlich eingeschüchtert
Dieser Tag hat ihn ernüchtert
Anders ist, das wird ihm klar
Auch nicht mehr das, was es war
 
 
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Drama im Parkett
 
 
Kunz, der Bühnen liebt und kennt
Wird Theaterrezensent
Heute sieht, wiewohl nicht gerne
Er „Aktionskunst“ an. „Moderne.“
 
Zoten schreien, Rotze speien
Gleich bei Kunz, gleich in den Reihen
Wird ein Schwan zur Welt gebracht
Kunz soll schaudern, doch er lacht
 
Spieler sieht’s und droht daneben:
„Du wirst heut noch viel erleben“
Nimmt ihm schließlich seinen Block
Kunz enteilt nach kurzem Schock
 
 
Kunz erklärt: „Dies passt doch nur
Zur modernen Unkultur
Eigensinn’gen Regisseuren
Die den Textgenuss nur stören
 
Stücken, die Respekt entbehren
Vor der vierten Wand, der hehren
Mimen, eher bald: Mimosen
Kichert man zu ihren Posen
 
Meine Kunst ist: Klangvoll kritteln
Tadeln, Stadeln, nicht: vermitteln
Bin berühmt und kein Berater
Ich gehör nicht zum Theater.“
 
Auftritt Kunz in der Passage
Ohne Textbuch, ohne Gage
Sammelt Stimmen bei den Massen
Alle Mimen zu entlassen
 
 
Merke:
Bretter gibt’s, die „Welt“ bedeuten
Nicht nur bei Theaterleuten
Auch ein Kunz hat seinen Stolz
Das Parkett ist auch aus Holz
 
 
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Wahre Werte
 
Kunz, als Gegner von Gewalt 
Schwört vorm Spanienaufenthalt
Dass er nie, so sein Beschluss
Einen Stierkampf sehen muss.
 
Im Geschäft für Strandlektüre
Ohne die er ungern führe
Stöbert Kunz – was soll er nehmen?
Und entdeckt ihm neue Themen.
 
Sprecherin der „Tagesschau“
Wünscht sich an den Herd die Frau
Rektor – das begeistert ihn –
Singt das Lob der Disziplin.
 
Schluss mit lustig sei – so liest er
Angeregt beim Fernsehpriester
Sieht den Zeitungschef verkünden:
Achtundsechzig: Hort der Sünden.
 
Ordnung, Tugend und Moral
Sind das neue Ideal
Grenzen sollen Halt uns geben
Schluss mit diesem Lotterleben.
 
„Werte!“, schreit’s aus jedem Buch
Freiheit ist ein rotes Tuch
… Rotes Tuch? Kunz ist verstört
Wo hat er das noch gehört?
 
                         *
 
Stierkampf – Spiel der Urgewalten
Bald kann Kunz sich nicht mehr halten
Dort trifft Kraft auf Kreatur
Ehre! Tradition! Kultur!
 
Dies sind wahre, hohe Werte
Vielbegehrte, langentbehrte
Gutmenschen jedoch, die feigen
Solln zu Werten lieber schweigen.
 
Tierschutz, Freiheit, Toleranz
Fehlt ja nämlich die Substanz
Erkennt man Werte doch daran
Dass man sie nicht begründen kann.
 
                         *                    
 
In Spanien dann fühlt Kunz konkret
Erhabenheit, und er ersteht
Für den Stammplatz bester Warte
Eine Stierkampf-Dauerkarte.
 
 
 
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