Kolumnen

 

Ich bin kein Kondom, und das ist auch gut so

 

„Warum wissen die immer alles so genau?“, wunderte sich einmal ein kluger
Mensch. In der Tat: Selbstgewissheit begegnet allenthalben. Jeder ist sich
sicher und besitzt letztgültige Positionen zu allem Möglichen. Sicher sein
müssen aber nur Renten, Kondome und Atomkraftwerke - und man weiß, selbst da klappt es nicht.
Da ein Großteil des menschlichen
Wissens eigentlich nur Meinungen sind, ist dieser Eigensinn oft sachlich
schief, dabei zumeist aber harmlos. Ungut werden Besserwisser erst dann,
wenn sie Macht haben. Polizisten, Pädagogen und Politiker müssen qua
Amt so tun, als wüssten sie tatsächlich irgendetwas besser, aber das ist
nicht ungefährlich. Wäre ich zum Beispiel Diktator, würde ich als erstes
Auktionshäuser, Apfelsinen mit Kernen und Germany’s Next Topmodel
verbieten, weil ich dies alles für eine Frechheit halte, muss aber damit
leben, dass mutmaßlich nicht jeder diese Einschätzung teilen wird.
 
Dabei sind Auktionen wirklich eine Frechheit. Schon als Kind konnte
ich es nie akzeptieren, wie in diesen allgemein ja anerkannten
Einrichtungen systematischer Druck ausgeübt wird, um völlig
undurchdachte kostspielige Entscheidungen herbeizuführen. Eigentlich
sind Auktionen daher nichts anderes als die Anrufshows bei „Neun Live“.
„Nächster Posten auffe Liste, liebe Fernsehzuschauer:
Mahagoni-Schreibtisch, Startgebot 20.000 Euro. Isch frare Sie an
den Bildschirmen: Hat hier jemand noch mehr zu BIETEN? Der Hot
Button, will sagen: mein Hämmerschen, kann hier jeden Moment
zuschlagen.“ Aber Jürgen, Sie kennen Jürgen (früher „Big Brother“,
heute „Neun Live“), deshalb an Sotheby’s vermitteln? Ich weiß ja
nicht. Ich nicht.
 
Besonders hartnäckig werden Meinungen immer dann, wenn sie
„wissenschaftlich erwiesen“ sind. Dabei gibt es erwiesenermaßen
viel erwiesenen Blödsinn. Eva Herman zum Beispiel hat das
erkannt und unterfüttert ihre Attacken gegen die Moderne daher
gern mit Forschungen und Studien. Der Erwiesenheits-
Fetischismus führt auch zu Resultaten, die vermutlich nicht falsch
sind, nur nicht sehr erhellend. Mancher Zeitgenosse freut sich, wenn er
Ortsunkundigen mitteilen kann, in welcher Lokalität es „richtig, richtig
guten Milchkaffee“ gibt. Verbraucherverbände perfektionieren dieses
Prinzip: Kürzlich testete der ADAC deutsche Schulbusse. Ergebnis:
Der beste Schulbus Deutschlands ist die Linie 543 in Wattenbek-Einfeld
in Schleswig-Holstein. ADAC: „Da stimmte einfach alles.“ Wer also
einmal so richtig, richtig gut Bus fahren möchte: Bitte fahren Sie nach
Wattenbek-Einfeld. So funktioniert das System des Rankings.
 
Das Sammeln gesicherter Tatsachen kann auch zum Selbstläufer
werden. Durch einen Zufall gelangte ich neulich auf eine Internetseite,
die mir folgende Information offerierte: „Sie haben das Wort
‚Krankenversicherung‘ falsch geschrieben, nämlich ‚Krakenversicherung‘.
Wenn Sie erfahren wollen, wie oft das Wort ‚Krankenversicherung‘ falsch
geschrieben wurde und welche weiteren Kombinationen möglich sind,
können Sie sich unsere ausführliche Statistik ansehen.“ Tatsachen lieben
es nicht, nach Sinn befragt zu werden. Manchmal sind sie aber sogar im
Irrtum: Woher wollen diese ansonsten sicherlich gut informierten
Wissenschaftler wissen, ob ich nicht gerade in der Tat die neunzehn
Beine meines Kraken gegen Beinbruch versichern möchte?
 
Nett hingegen ist es, wenn ehrliche Irrtümer durch einen selbstsicheren
Tonfall nicht bemerkt werden. In einem neu eröffneten hiesigen
Modegeschäft versperrte die Umkleidekabinen wochenlang ein Schild
mit dem Hinweis: „Diese Kabinen sind zur Zeit nicht besetzt.“
Üblicherweise halte ich es zum Anprobieren eigentlich geradezu für
einen Vorteil von Umkleidekabinen, wenn sie von niemandem besetzt
sind – von wenigen, hier nicht näher auszuführenden Ausnahmen
vielleicht einmal abgesehen. In einem anderen Laden erklang einmal
die Durchsage: „Der Fahrer des Wagens mit diesem und jenem
Kennzeichen wird zu seinem Fahrzeug gebeten. Er hat vergessen,
die Tür aufzulassen.“
 
Unappetitlich kann es werden, wenn Menschen ihre Selbstgewissheit
auf Kosten anderer ausbreiten. Vor einiger Zeit ging ich meiner roten
Umhängetasche verlustig. Dazu kam es, nachdem ich sie an der
Bibliothek zwar durchaus in einem Schließfach deponiert hatte, ohne
dieses allerdings abzuschließen. Dieserart um einige Bücher sowie
eine Digitalkamera gebracht (wobei ich den Aufnahmen mehr hinterher
trauerte als dem Gerät), hätte ich mich auf hämische Kommentare gefasst
machen müssen – wenn ich keinen Wert darauf legte, meinen
Bekanntenkreis aus netten Menschen zusammenzusetzen. Wer weniger
Glück hat, bekommt in solchen Situationen Aussagen zu hören wie: „Tut
mir echt Leid, aber irgendwo gehört Dummheit auch bestraft.“ Wer derartige Sätze mag, sagt auch: "Hast du schon gehört? Jetzt hat der schon wieder vergessen, seine Autotür aufzulassen. Zwei-ein-halb Stun-den sperr- an-gel-weit ... - - - geschlossen. Ich hab's ja immer gesagt: Der Kerl wird senil."
Hieran ist
zutreffend, dass hämische Menschen selbst meist nicht dumm sind,
genauer: Sie sind oft einfältig, aber nur selten naiv. Dies kann man auch
täglich an der BILD-Zeitung beobachten, deren Leserschaft Naivität
zuzuschreiben ein krasses Fehlurteil wäre. Ein BILD-Redakteur, der es
wagte, dreimal in Folge eine Schlagzeile zu setzen, die weder misstrauisch
ist noch bösartig, würde vermutlich fristlos entlassen. BILD-Leser wissen genau Bescheid, und das ist das Schlimme an diesem Periodikum, nicht seine populäre
Ausrichtung. Arglosigkeit macht sozialer als Schläue. Auch "Germany's Next Topmodel" ist ja deshalb so fürchterlich, weil es ein idiotisches Frauenbild bedient, und nicht weil jeder es sieht.
 
Der Zyniker Friedrich Küppersbusch sagte übrigens einmal: „Marius
Müller-Westernhagen lügt, wenn er das Maul aufmacht.“ Möglicherweise
lügt aber eher Friedrich Küppersbusch, wenn er das Maul aufmacht;
denn Westernhagens Satz in seiner nach wie vor unschlagbaren
Achtziger-Hymne „Freiheit“ namens „Der Mensch ist leider nicht naiv“
ist nicht gelogen, sondern wahr.
 
 
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Prolegomena zu einigen Problemen des Idealismus unter besonderer 

 

Berücksichtigung von Hornhautraspeln

 

 

 

Peter Walton ist offenbar kein Philosoph. Peter Walton ist ein britischer Schieds-

richter, und kürzlich konnte man über ihn lesen, dass er bei einem Spiel Probleme

hatte, ein Foul zu ahnden, weil er seine gelbe Karte in der Kabine hatte liegen

lassen. Stattdessen, so berichtet die Süddeutsche Zeitung, hielt er dem Spieler

„eine Phantomkarte“ hin. Was ist eine Phantomkarte? Ich nehme an, Peter

Walton wollte vor Spielbeginn eben noch seine Kartensammlung einstecken,

aber er fand seine Lesebrille nicht; außerdem musste das Stadion sparen, und

daher war in der Schiedsrichterkabine kein so gutes Licht. Er griff also in sein

Portemonnaie und holte aufs Geratewohl zwei Karten heraus, ohne sie richtig

zu erkennen. „Och, nimmste mal.“ Auf dem Platz dann: „Nein! Die Phantomkarte!“

  Das ist natürlich keine souveräne Reaktion. Wäre Peter Walton studierter

Philosoph, hätte er sich sehr elegant aus der Affäre ziehen können. Er hätte bloß

beherzt die rote Karte in die Hand nehmen und sich an Platons Höhlengleichnis

erinnern müssen. Wie man weiß, gibt es in Platons Höhlengleichnis die Ideen,

von denen die Menschen in der Höhle nur die Schatten sehen. Wie schlagend

wäre diese Argumentation auf dem Fußballfeld gewesen: „Für Sie ist das eine

rote Karte. Ja. Wenn wir aber unseren fehlbaren Sinnen nicht vertrauen und von

der Stofflichkeit dieser Karte abstrahieren, so kann es sich in einem höheren

Sinne ebenso gut um eine gelbe Karte handeln.“

 

Diese Strategie hat ein Bekannter von mir bereits erfolgreich angewendet.

Gut, mehr oder weniger erfolgreich. Neulich war eine junge Dame bei ihm

zu Hause und warf, kaum hatten die beiden seine Wohnung betreten, einen

skeptischen Blick auf seine schlierigen Fensterscheiben. Nachsichtig lächelnd

erklärte er ihr: „Für dich ist das ein schmutziges Fenster. Ja. So mag es ja auch

erscheinen. Wenn man nicht so viel Ahnung hat. Tatsache ist aber: Erst vorige

Woche habe ich mehrfach mit einem Tuch über dieses Fenster gewischt. Was

deine verderbten Augen dir als Schmutz ausgeben, sind in Wahrheit die Spuren

des Reinigungsprozesses. In einem höheren Sinne ist die Scheibe sauber.“ Das

hat sie sehr interessiert. Sie sagte sofort, das müsse sie sich dringend einmal

von außen ansehen. Seltsamerweise ist sie dann nicht mehr wieder gekommen.

Verlaufen, wahrscheinlich. Orientierungsprobleme. Frauen.

 

Auch ich verfüge über umfassende Kenntnisse auf dem Gebiete des

Frauenklarmachens. Eine Bekannte meinte einmal mir eine Freude bereiten zu

müssen, indem sie mir ein Lesezeichen verehrte mit der Abbildung einer Maus und

der Aufschrift „Intelligenz macht schüchtern“. Trotz unzweifelhaft bester

Absichten ihrerseits vermochte ich die aus diesem Sinnspruch sprechende

Mutmach-Mütterlichkeit nicht recht zu mögen. Ich war leicht sauer. Eigentlich

total männlich, sowas nicht zu mögen, fiel mir dann ein. Sinnspruch, Mäuse,

Lesezeichen – alles nix für echte Kerle. Und so habe ich den perfekten

Anmachspruch entwickelt, den ich Ihnen jetzt exklusiv preisgeben werde. Er

lautet: „Mein Name ist Martin Hagemeyer, ich bin 32 Jahre alt, und neulich

hat mir das Lesezeichen einer Bekannten nicht gefallen.“ Ich gehe davon

aus, dass praktisch jede Frau daraufhin nicht anders könnte als zu sagen:

„Machs mir, Cutie.“

 

Zurück zum höheren Sinn. In der Tat bin ich ein Freund von Ideen.

Hingegen zähle ich mich nicht zu den Anhängern der Auffassung, dass

„gut“ das Gegenteil von „gut gemeint“ sei. Das Gegenteil von „gut gemeint“

ist und bleibt „schlecht gemeint“. Eine Untat ist für mich keine ohne Vorsatz,

an Geschenken zählt trotz aller Mäuse doch die gute Absicht, und nicht

handwerkliches Geschick macht Kunst aus, sondern ob eine Idee dahinter

steht. Wollen ist wichtig.

 

Manchmal ist Pragmatismus allerdings mindestens genauso gut. Der

Schiedsrichter hätte nämlich auch Glück haben können: Beim Griff ins

Portemonnaie hätte er statt der Phantomkarte ja auch, o Wunder, sagen

wir, das Treuekärtchen von SUBWAY hervorholen und offensiv vorzeigen

können. Bei zehn Stamps ein Sandwich umsonst. Ist ja auch gelb. Wäre wohl

kaum aufgefallen. Einzige Gefahr: Er hätte aufpassen müssen, nach dem Foul

beim Zücken der Karte nicht aus alter Gewohnheit zu sagen: „Einmal mit

doppelt Käse und Chicken Teriyaki.“

Sollte Peter Walton weder Philosoph noch SUBWAY-Kunde sein, hätte er es

immer noch mit Verwirrungstaktik versuchen können, getreu der Maxime vom

gut gemeinten Schenken – und dem Spieler die rote Karte zeigen UND DANN

SCHENKEN. „Sagen Sie, haben Sie sich eigentlich je Gedanken darüber

gemacht, dass der Begriff „eine rote Karte KRIEGEN“ semantisch Übereignung

impliziert? Will sagen, junger Mann: Behalten Sie die mal. Nnne? Sehen Sie’s

als kleinen Trost.“ Vielleicht hätte es geklappt.

 

Mit einer guten Lesebrille wäre das alles nicht passiert. Schon in jungen Jahren

sollte man so manches Hilfsmittel, das mancher eher Gebrechlichkeit oder

Greisenalter zuzuweisen geneigt ist, nicht verschmähen. Ich zum Beispiel habe

mir vor kurzem eine Hornhautraspel gekauft. Ohne Sie mit Details zum Aussehen

meiner Fußunterseiten behelligen zu wollen, stand ich nun also in der Drogerie

und stellte fest, dass es Hornhautraspeln, Hornhautfeilen und Hornhauthobel gibt.

Zielstrebig wählte ich die Raspel und sicherte mir damit ein erquickliches

Abendvergnügen. Nach dem Abendessen fiel mir nichts Rechtes zu tun ein; aber

ich hatte ja noch meine Hornhautraspel. Die kleinen Freuden des Alltags können

so einfach sein.

 

Erfreulich ist es auch festzustellen, dass der SUBWAY-Trick in unwesentlich

abgewandelter Form bereits angewandt wurde, und zwar in Wuppertal. Eine

Leserbriefschreiberin in der „Wuppertaler Rundschau“ widmete sich jüngst dem

Thema „Vordereinstieg in Wuppertaler Linienbussen“, das für etwa drei Wochen

den Hundehaufen als Alltime-Top-Thema von Leserbriefschreibern ernstliche

Konkurrenz zu machen drohte. Sie brachte unter anderem vor, durch den Einstieg

beim Fahrer und Vorzeigen des Tickets werde das Schwarzfahren keineswegs

verhindert; sie selbst sei bereits einmal ohne Probleme transportiert worden,

nachdem sie, eben, den Ausweis der Stadtbibliothek vorgezeigt habe.

Es scheint zu den populärsten Servicedienstleistungen der Stadtwerke zu zählen,

Streitinteressenten immer wieder Gelegenheit zu geben, sich im Bus aufzuregen.

Das Feilbieten von Tomaten und faulen Eiern im Bus dürfte ihnen nicht unerhebliche

Umsatzgewinne einbringen. Klassiker: Leute, die in den Bus wollen und einen nicht

aussteigen lassen. Ebenso klassisch: Leute, die das bemäkeln. Man sollte einmal

beim Einsteigen im indignierten Tonfall dessen, der sich im Recht weiß, die

Aussteigenden ermahnen: „Erst einsteigen lassen!“ Regeln wie das

Aussteigenlassenmüssen verlieren jede Berechtigung, wenn sie nicht mehr allein

dem Allgemeinwohl dienen sollen,

sondern sich verselbständigen hin zur Empörung darüber, dass da jemand eine

Konvention missachtet. Zuletzt stellte ich mich beim Bäcker in die Schlange,

versehentlich allerdings nicht an deren Ende. Ein Herr raunzte etwas. Ich erwiderte:

„Das tut mir Leid, aber nun bin ich einmal vor Ihnen und bringe Ihnen gern Ihre

Brötchen mit.“ Ein guter Test, um zu prüfen, ob der andere wirklich einfach Hunger

hat, oder ob er sich vielmehr als aufrechter Kenner gesellschaftlicher Vorschriften

aufspielen möchte.

 

Der Einzelhandel könnte ohnehin viel mehr Experimente ertragen. Mein

persönlicher Kundenwunsch wäre es, dass einmal ein Supermarkt speziell für

Lexikon-Autoren eingerichtet würde. Lexikon-Autoren sind nämlich niederträchtige

Menschen. Man kennt das: Gerade will man es sich mit seinem Lieblingssandwich

am Kamin bequem machen, da regt sich erst der Bier- und dann der Wissensdurst.

Was, so fragt man sich, besagte noch gleich Platons Höhlengleichnis? Man wetzt

vom Wohnzimmer aus über viele Treppen in den dritten Stock, wo das

zwanzigbändige Lexikon hoch oben im Regal steht. Mühsam erklimmt man die

Leiter und steigt mit dem Band „Ger bis Ing“ wieder herunter. Wieder beim

Lieblingssandwich angekommen, schlägt man befriedigt das Lexikon auf:

„…Höhlengleichnis: siehe P wie Platon.“

Stöhnend erhebt man sich wieder zum neuerlichen Aufstieg. Das eben noch

frische Chicken Teriyaki beginnt angesichts der wiederholten Verzögerung

allmählich mit seinem Alter zu hadern und die erste Lesebrille in Erwägung

zu ziehen. Man wetzt die drei Etagen und die Leiter hoch und kehrt schließlich

vom Wetzen gehetzt mit dem Band „Netzt bis Retzt“ zurück. Platon muss doch

nun wirklich drinstehen. Wieder unten: „…platonisch: Siehe E wie Enthaltsamkeit.“

Verstehen Sie jetzt, warum ich einen Spezial-Supermarkt für Lexikologen fordere?

  Es ist eine, ich möchte sagen, geradezu sexuelle Fantasie von mir: Lexikologe xy

ist zum Wochenendeinkauf im Supermarkt. Die Lexikologie ist kein sehr

einträgliches Geschäft, und so hat xy einen Nebenjob als Schiedsrichter

angenommen. Da fällt ihm ein, dass er ja eine neue rote Karte braucht – mit

seiner alten kann sich jetzt bekanntlich ein stolzer Spieler schmücken.

Pflichtbewusst geht er in die Rote-Karten-Abteilung. Schild: „Wir haben

heute unser Sortiment einmal nach… Farben geordnet. Unsere roten Karten

finden Sie bei den Tomaten.“ Lexikologe wetzt zur Gemüseabteilung, die

natürlich am anderen Ende des Ladens liegt. Ha! Ha! Schild: „Unsere Tomaten

und sonstigen Wurfgeschosse für Ihre nächste Busfahrt finden Sie bei den faulen

Eiern.“ „Unsere faulen Eier finden Sie bei den Eiernudeln, unsere Nudeln finden Sie

beim Parmesankäse, und unseren Parmesankäse finden Sie frisch geraspelt

in unserer Hornhautraspelabteilung.“ Geil.

 

Der raunzende Herr in der Brötchenschlange riss mich aus meinen Rachefantasien.

Diesmal besagte sein Raunzen: „Das könnte Ihnen so passen, mir meine Brötchen

mitzubringen. Da könnte ja jeder kommen. Es geht nicht um Brötchen. Mir geht es

um den höheren Sinn. Ums Prinzip.“ Ich wollte etwas entgegnen, da fiel mir auf,

dass ich den Mann aus der Zeitung kannte: Es war niemand anders als der

Schiedsrichter Peter Walton, in der Hand eine offenbar soeben gelesene

Ausgabe von Platons Höhlengleichnis.

 

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Den besten Service bieten fehlende Ohren
 
Diesen Sommer erwarb ich einen strohfarbenen Herrenhut. Ich erwog, auf ihm den Hinweis anzubringen: DIESER HUT IST WEDER NEO-ALTHERRENMÄSSIG STILVOLL GEMEINT NOCH JUNGMANNMÄSSIG COOL WIE BEI ROGER CICERO ODER JAN DELAY, SONDERN SCHÖN, doch die Krempe war zu kurz. Da ich weder swinge noch Schnupfen habe, wäre ich auch überhaupt nicht in der Lage, diesen Herren glaubwürdig nachzueifern. Als ich Ende Juli zum Friseur ging, hätte ich ihn vermutlich ohnehin absetzen müssen; doch hatte ich mir zudem den windigsten Tag des Jahres ausgesucht.
Bereits am Vortag hatte ich einige einschlägige Lokalitäten in Augenschein genommen, darunter ein Angebot, das laut Tafel obligatorisch Beratung einschloss. Gern hätte ich für Waschen und Schneiden allein den vollen Preis gezahlt; doch wagte ich nicht zu fragen, ob ohne Beratung auch geht. Daher ließ ich den Laden links liegen, denn vor einigen Wochen hatte mich eine junge Dame in einem Elberfelder Etablissement einer anderen Branche derart schweißtreibend durchberaten, dass ich für die nächste Zeit genug hatte.
Hierbei handelte es sich um einen Waschsalon in der Südstadt, der seit kurzem alles Lamentieren über die angebliche Servicewüste Deutschland Lügen straft. Anscheinend werden dort nur Personen beschäftigt, die vierfache Mutter oder abgebrochener Pädagogikstudent oder beides sind; ich jedenfalls bot offensichtlich einen sehr hilfsbedürftigen Eindruck, sodass die Salondame nicht nur darauf bestand, mir zu erklären, wie man die Maschine in Gang bringt, sondern auch wie man die Münzen einwirft, und außerdem darauf, teilnahmsvoll dem Einwurf meiner siffigen Socken beizuwohnen. Nie wieder, beschloss ich undankbarerweise und lenkte meine Schritte das nächste Mal zum pädagogikfreien Konkurrenzsalon; denn Servicewüste hin oder her: Wüsten sind bekanntlich leer und tödlich, aber dafür hat man auch seine Ruhe.
Zuviel Diensteifer kann aber nicht nur anstrengend sein, sondern auch fragwürdig aus sozialen Gründen. Wer die Äpfeleinpacker und Türaufhalter in den USA unseren schlechtgelaunten Verkäuferinnen als Vorbild entgegenhält, sollte nicht vergessen, dass erstere wahrscheinlich durch pure Not und fehlende Absicherung zu derartiger Buckelei gezwungen werden; und auch in hiesigen Filialen der Weltkonzerne lächelt dem Kunden oft nur die nackte Sorge entgegen, dass man womöglich ein Testkäufer der Geschäftsführung ist, die den naiven Irrglauben der Kunden kennt, „freundlich“ sei ein Feature unter „Standardeinstellungen“.
In puncto Dumpinglöhne allerdings leistete ich mir am Frisiertag eine leckere Portion Naivität; das ist nämlich auch schon mal nett. Haarschnitte für neun Euro fünfzig sind sicher etwas für Freunde des kleinen persönlichen Risikos, aber nicht zwingend Ausbeutung. Ich persönlich kann gut mit der Vorstellung leben, dass der an mir herumschnipselnde Herr mangels Ausbildung und Talents weniger Geld einstreicht als sein zertifizierter Kollege um die Ecke, und der Herr kann das mutmaßlich auch; aber an diesem Deal kann selbstverständlich nur mittun, wer bei der Frisur einigermaßen unempfindlich ist. Hier bringe ich günstige Voraussetzungen mit: In meiner Kindheit waren mein Vater, mein Bruder und ich Stammkunden bei einem frisierenden ehemaligen Boxer, der uns für je siebzehn Mark unseren üblichen Fassongschnitt um die Rübe meißelte.
Und auch heute sage ich: Ein Friseurbesuch soll für mich in erster Linie der kritischen Welt ein Resultat präsentieren, das signalisiert: Liebe kritische Welt, mit Vergnügen füge ich mich Ihrer Konvention, dass man sichtbar zum Friseur gehen sollte. Da das auch auf keine Krempe passt, braucht es Friseure, aber keine Fachfrisuren, denn eine mäßig gemähte Mähne bietet diesen Service ja ebensogut. Fehlendes Ohr ist sogar noch praktischer.
 
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Wieder erlaubt: Phrasen über Kastrationsschnäppchen
Neulich hatte mal wieder jemand den schönsten Moment seines Lebens. Es handelte sich hierbei um einen Wuppertaler, der die olympische Fackel ein Stück auf dem Weg nach Vancouver tragen durfte. Leider ist dies ein uninteressanter Texteinstieg, denn einen solchen Moment den schönsten des Lebens zu nennen, dürfte bei vielen Lesern nur auf beifällige Zustimmung stoßen, jedoch kaum die Aufmerksamkeit für die folgenden Ausführungen in die Höhe schnellen lassen. Ich beginne daher noch einmal und bemühe mich um eine Eingangsinformation, die reizvoller ist, dafür allerdings nicht wahr.
Neulich hatte mal wieder jemand den schönsten Moment seines Lebens. Es handelte sich hierbei um einen Leser der Wuppertaler Rundschau, der in der aktuellen Ausgabe auf ein Kastrationsschnäppchen stieß. Die Tierklinik Wuppertal nämlich empfahl sich Anfang Februar in diesem Periodikum mit einer Sonderaktion, welche die Kastration diverser Haustiere zum Sonderpreis offerierte. Einen Kater um seine Vermehrungsfähigkeit zu bringen, kostete nur 45 Euro, bei einer Katze waren es immerhin 90, während die Unfruchtbarmachung einer Hündin mit gesalzenen 250 Euro zu Buche schlug. Als findiger Sparfuchs hatte der Leser, übrigens seit langem Eigner eines entzückenden Katers namens Isidor, schnell überschlagen, dass man für eine Hündin fünfeinhalb Kater entmannen könne. Was Wunder, dass dieser Mann es den schönsten Moment seines Lebens nannte, als er mit seinem besten Freund gen Tierklinik Wuppertal aufbrach, um 205 Euro zu sparen.
Soweit die Lüge. Erschwindelt ist nicht die Anzeige, aber der Bewegte. Praktisch wärs aber gewesen, hätte die Geschichte gestimmt. Sie wäre eine praktische Steilvorlage für Spott über den Ausdruck „der schönste Moment meines Lebens“. Wer gern Phrasen geißelt, hätte hier recht komfortables Material vorgefunden. Denn in der Tat kann man sich heute vor schönsten Momenten nicht retten. Oscarverleihungen, Geburten und Papstbesuche tuns nicht drunter. Aber, und diese Frage sei mit Inbrunst in den Raum gestellt: Bedeutet „häufig“ immer „Phrase“ und „Phrase“ immer „leer“? Aus laptopbewehrten BWL-Studenten im zweiten Semester bestehende Sprechchöre mögen jubelnd einstimmen, wenn ich sage: Inflation ist, wenns wertlos wird. Wenn aber der frischgebackene Vater seiner Freude über den Nachwuchs mit denselben Worten Ausdruck verleiht wie einige vor ihm, so braucht er sich mangelhaften Einfallsreichtums mitnichten zeihen zu lassen, kommt es doch von Herzen.
„Schamlos!“, rufen da alle Kolumnisten, Glosseure und Leitartikler, „schönster Moment“, „kommt von Herzen“, das sind ja gleich zwei Phrasen auf einmal! Das geht nun wirklich nicht.“ Abgesehen davon, dass dieses Lamento selbst eine Phrase aus einem verblichenen Werbespot für Überraschungseier enthält, sei es hier tollkühn konstatiert: Gekrittel an Phrasen ist häufig ein Merkmal verbalen Moralisierens. Niemand ist verpflichtet, ständig Neuschöpfungen abzusondern. Treffende Formulierungen darf man auch zum wiederholten Mal prägen. Gewiss: Wer ständig Dinge sagt wie „Nicht immer, aber immer öfter“, „Und das ist auch gut so“ oder „zur Kenntlichkeit entstellt“, sollte sein hautenges T-Shirt mit dem Aufdruck „Ich bin originell“ tunlichst im Schrank lassen. Doch der wenngleich etwas verwaschene Aufnäher, beschriftet mit „Das zwar nicht gerade, aber mögen tu ich den Ausdruck doch“ sollte ihm vergönnt bleiben.
Argwohn gegenüber Häufigkeit ist eine ungute Angewohnheit. Neulich teilte mir ein ansonsten netter Bekannter mit, die Sitte des Valentinstagfeierns sei eine Unsitte. In der Tat: Wenn tausende Brünftige ihren Bettpartnern am Valentinstag Sträuße, dickmachende Kakaoerzeugnisse und Diddl-Mäuse aufdrängen, so ist das wenig erfrischend. Wenn aber eine unbestimmte Anzahl schwärmerisch Verliebter einander am 14. Februar mit Blumengebinden, zartschmelzenden Pralinen und Nagetieren mit seltsamen Vornamen beglückt, so ist das doch ganz wunderbar. Eine jede Masse besteht aus Individuen, möchte da der Demokrat in mir dozieren.
Kater heißen Isidor, Mäuse Diddl, nicht umgekehrt, und das ist auch gut so. Mein Vater hatte einst eine Bekannte, deren Kater den Namen „Trottel“ trug. Seltsame Namen haben allerdings nicht nur Tiere, sondern auch Playboys. Neulich sah ich im Schaufenster eines Geschäfts das Angebot „PLAYBOY ,Hausschuhe‘“, ohne Bindestrich, aber dafür mit Anführungszeichen um das „Hausschuhe“. Dies bedeutet, dass dieses Haus spielfreudige Männer feilbietet, die „Hausschuhe“ heißen, was ich sehr erfreulich finde. Da Gekrittel an Interpunktion ein Merkmal von Elitarismus ist, muss ich diesen Text hier konsequenterweise kastrieren, ach was sage ich, ich meine natürlich ein etwas brutales Synonym davon, jawohl, ein Synonym, nämlich abbrechen.