Monolog

Auszug aus

Martin Hagemeyer: Der Kellner im Theatercafé. Monolog, 2008.

 

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Schauspielen, das ist jetzt auch für Sie interessant, Schauspielen auf der Bühne heißt: Wollen, dass es ankommt.

Damit ist nicht gemeint, dass Sie nur nach dem billigen Effekt schielen sollen. Ankommen soll Ihr Spiel in der Weise, die Sie für die angemessene halten.

Zusammenfassung: ...
 
Tagesgericht? Geräuchertes Matjesfilet. Mit Salzkartoffeln.
Ist lecker.
 
Ähm, ja. Zusammenfassung.
Der Schauspieler spielt für sich. Das aber mit dem ständigen Blick aufs Publikum. Das aber so, als wäre er selbst das Publikum. Das ihn also genauso sieht, wie er selbst gesehen werden will. Verstehen Sie? Damit geht es beim Theaterspielen wesentlich um Idealisierung.
 
Dass man den ständigen Blick auf sich wahrnimmt, bedeutet übrigens auch, dass der Vorwurf an Schauspieler „selbstverliebt“ blödsinnig ist. Er ist deswegen blödsinnig, weil er kein Vorwurf ist!
Der Schauspieler definiert sich mehr als jeder andere Mensch über Aufmerksamkeit. Theater heißt: Austausch von Aufmerksamkeit – zwischen Schauspieler und Zuschauer. Im Applaus kulminierend, aber schon während der Vorstellung ständig präsent, ist dieses Phänomen der Aufmerksamkeit.
Aber das heißt logisch zwingend, – bitte stellen Sie sich das vor: Sie vor hunderten von Augen auf der Bühne –, heißt logisch zwingend, dass Sie als Schauspieler eine hohe Meinung von sich haben. Haben müssen. Und außerdem könnten Sie doch ohne diese hohe Meinung von sich überhaupt nicht spielen. Ja, bitte erklären Sie mir das: Wie wollen Sie denn auf der Bühne so agieren, wie Sie es für richtig halten, vor hunderten von Augen, die auf Sie gerichtet sind, zwei, drei Stunden lang, jeden Abend, wenn Sie sich herablassen in die Niederungen?
Ni... Naja. Ich meine...
Ich meine: Runter – – zum – Volk runter... nivellieren! Was? Was?
Für Schauspieler gilt – merken Sie sich das!–: Narzissmus ist eine Schlüsselqualifikation.
 
Manchmal wünsche ich mir ja, mit dem ein oder anderen der Schauspieler einmal ins Gespräch zu kommen über diese Dinge. Man sieht hier ja schon so manchen ein- und ausgehen.
Ein- und ausgehen.
 
Vor zwei Wochen hat übrigens an exakt diesem Tisch (er weist auf einen Punkt im Zuschauerraum) Miranda von Felsenberg gesessen, falls es Sie interessiert. Das am Rande.
 Vor fünfzehn Tagen. Gastspiel. Miranda von Felsenberg, Schauspielerin am Wiener Burgtheater. Vorige Spielzeit Lessing. Die Gräfin Orsina. Einzigartig. Und so wunderschön. (Räuspert sich.) Recht solide. Soweit. Das am Rande.
 
Sie bestellte: Rinderhüftsteak mit Kartoffelgratin. Aber bitte nur Kinderportion. Und so durchgebraten wie möglich.
Sonderwunsch: Grüner Pfeffer.
Zicke? Diva? Was ist eine Zicke?
Eine Zicke ist eine Frau, die weiß, dass sie perfekt ist.
                    
Natürlich wusste ich Monate vorher, dass sie in diesem Hause gastieren würde. Und natürlich konnte ich mir denken, dass sie nachher Hunger haben würde. Ich hatte mir doch schon meinen Text zurechtgelegt, den ich ihr sagen wollte. Mit Regieanweisungen.
Das hatte ich ja bereits erwähnt: Auch im Alltag spielen wir Rollen. Ist Ihnen Will Quadflieg ein Begriff? Will Quadflieg – Faust, Hamburg 1957, mit Gustav Gründgens? Faust, ein Begriff? Goethe? Dichter von Beruf. Ja, ich weiß ja nicht, was ich bei Ihnen vorauss...
Gut. Will Quadflieg jedenfalls hat seine Memoiren „Wir spielen immer“ genannt. Das ist es: Der Schauspieler tut eigentlich nichts anderes als normale Menschen. Er stellt Figuren dar. Nur dass die Figuren, die normale Menschen im Alltag darstellen, zufällig sie selbst sind.
 Der Schauspieler zieht sich eine fremde Rolle über, wie ein Kostüm. Aber das Entscheidende ist eben: Es bleibt ein Kostüm. Der gute Schauspieler bewahrt sich diesen Blick von außen. Und nur so kann er die Wirkung einschätzen. Und auf Wirkung hinarbeiten. Ich höre ja Ihren Einwand: Ein Kostüm, um im Bild zu bleiben, ist immer ein Stück weit Verhüllung, jedes Kostüm verdeckt. Das ist ja alles richtig.Aber denken Sie doch mal ans Leben: Ohne Kostüm, ohne Rolle wären wir nackt.
 
Ulrich Matthes – zeitgenössischer Schauspieler, wenn ich das eben noch abschließen darf – hat mal gesagt: „Ein guter Schauspieler ist jemand, der immer gleichzeitig von sich selbst und von einem anderen erzählt. Der sich um dieses rätselhafte Paradoxon bemüht, gleichzeitig zu spielen und gleichzeitig wahr zu sein.“ Das Kostüm. Das passt. –  (triumphierend) Das passt!
 
Matthes, höre ich? (sieht erfreut zu einer Stelle im Zuschauerraum) – Sie kennen also Ulrich Matthes?
Matjes.
Ach so.
(zu allen, entschuldigend) Moment, ich muss mal eben... (geht in den Zuschauerraum) Einmal Matjes für Sie? Das Tagesgericht? Mit Zwiebeln? Sehr gern. (Notiert es und geht zurück.)
 
Rolle als Kostüm, also. Weil er auf diese Weise also eine gewisse Distanz hält zur Rolle, bleibt der Schauspieler übrigens auch flexibel. Jeder Schauspieler weiß, dass mit jeder Aufführung desselben Stückes etwas mehr Routine dazukommt. Aber Sie müssen darauf achten, dass Sie aktiv dabei bleiben. Und das werden Sie, wenn Sie sich der – Rollenhaftigkeit, wenn Sie verstehen, was ich meine, immer bewusst sind.
Da kann es genügen, in irgendeiner Szene mal nicht, wie sonst immer, den linken Mundwinkel nach oben zu ziehen. Einfach mal lassen. Probieren Sie’s mal aus. Und vielleicht mal den rechten Mundwinkel nach oben zu ziehen. Sie lachen. Aber in diesen Momenten sind Sie in der Rolle, weil Sie neben der Rolle sind. Jawohl. Sie stehen neben der Rolle und können sie dadurch doch erst – bewusst – gestalten.
So wollte ich es auch halten bei Miranda von Felsenberg. Souveräne Rollenkenntnis und doch kreativ. Aber es wurde nichts. – Vergessen Sie’s.
 
Dieser Raum überhaupt. Komplett ungeeignet für ernsthafte Kunstgespräche. Und die Hälfte... ich sag Ihnen das jetzt im Vertrauen... die Hälfte der Leute, die hier herumhängen, sind doch eigentlich ganz arme Schweine. Die Zaungäste, die unbedingt einen Blick auf irgendeinen Theatermenschen werfen wollen.
Und die Theatermenschen selbst. Diejenigen, die aktuell ein Engagement haben hier am Hause, die sonst aber eigentlich auch kein Leben haben. Und diejenigen, die früher mal ein Engagement hatten, deren Verpflichtung nicht verlängert wurde, und die jetzt hier den alten Zeiten nachhängen. Die erkennen Sie sofort. Ich kenne sie sowieso, denn ich bin ja jeden Tag hier. Und die sind ja auch jeden Tag hier. Die sitzen dann einsam am Tisch bei ihrem Glas, oder ihrer Flasche, oder ihren Flaschen. Meist drüben rechts in der Ecke am Fenster. Und spähen die ganze Zeit verstohlen rüber zum Schauspielhaus, und am Abend sehen sie die Kollegen, die früheren Kollegen von der Probe kommen, und die kommen her und sagen: „Ja, hi!“ – dazu müssen Sie wissen: junge Schauspieler sagen immer „Ja, hi!“ – „schön, dass du uns treu bleibst! Du gehörst ja auch weiter total dazu. Und du schaust dich ein bisschen um, zwar gerade mal nicht verpflichtet, aber, seien wir ehrlich, damit doch irgendwie auch ohne Verpflichtungen, ha ha?“
Das würde ich ja nie tun. Man hat ja auch seinen Stolz. Nein, das ist nichts. Da ist man umgeben von überheblichen Möchtegerns, die Absinth bestellen bei mir, weil sie meinen, dass wenigstens das sie künstlerisch macht.
Und dabei weiß man doch, dass man eigentlich selbst auf die Bühne gehört. Wer, zum Henker, sollte das besser wissen als –
 
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